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Schulnoten – die Illusion von der gerechten Bewertung

 

„Ziel der Schule muss es sein, Wissen und Lernmotivation

 zu vermitteln – und nicht Menschen zu bewerten.“

Georg Lind, Professor für Bildungsforschung

 

Was sagt das aus, wenn jemand eine Drei in Mathe hat? Ist das jetzt gut oder schlecht? Hat sich so jemand total angestrengt und ganz viel gelernt und wuchs mit der Drei über sich hinaus, oder war er faul und hätte aufgrund seiner Intelligenz selbst mit nur ein wenig mehr Einsatz locker eine Zwei plus oder gar Eins bekommen können?

Und sagt so eine Zensur jetzt etwas über den Schüler aus oder eher über den Lehrer? Hätte der Großteil aller anderen Lehrer es verstanden, den Unterrichtsstoff so zu vermitteln, dass besagter Schüler auch ohne viel Lernen fähig gewesen wäre, eine bessere Zensur zu erreichen? Oder war der Unterricht gut, nur mag der Lehrer unseren Schüler nicht und hatte ihn demzufolge in der zurückliegenden Zeit eher abwertend-kritisch behandelt, so dass sich unser Schüler in Mathe kaum noch was zutraute oder gar blockiert war?

In der Fachwelt gibt es den Begriff der „Attribuierung“ – das ist ein Vorgang, bei dem Erwartungshaltungen eine wesentliche Rolle spielen. Derartige Mechanis-men lassen sich besonders gut in der Schule nachweisen; und zwar regelmäßig dann, wenn ein Lehrer aufgrund des ersten (bzw. allgemeinen äußeren) Eindrucks, den ein Schüler in ihm hervorruft, annimmt, dies sei ein guter (schlechter) Schüler und wenn sich dann aus dieser Erwartungshaltung heraus eine zwischenmenschliche Beziehung etabliert, die bewirkt, dass am Ende genau das beim Schüler rauskommt, was der Lehrer zuvor schon erwartet hatte; das könnte man dann auch als so etwas wie eine sich-selbst-erfüllende Prophezeiung bezeichnen. Kaum ein Lehrer würde allerdings eingestehen, dass es bei ihm jemals so etwas geben würde, aber leider zeigen Untersuchungen zum Attribuierungsverhalten immer wieder, dass derartige Mechanismen Schultag für Schultag dutzendfach vorkommen, ohne dass es den Lehrern (und natürlich auch den Schülern) bewusst wird.

Neulich erzählte mir eine Patientin, ihr Sohn habe gerade das Abitur gemacht. Auf meine Frage, wie schwer ihm dies gefallen sei, meinte sie, er sei da ganz einfach so durchgelaufen, habe nie viel gemacht und sich höchstens mal vor Arbeiten hingesetzt und ein wenig gelernt. Nun frage ich: ist dies ein guter Schüler oder ein schlechter? Ist dies ein guter Mensch oder ein schlechter? Was sagt das Abi mit den relativ guten Noten über ihn aus? Wird sich dieser Mensch im späteren Leben fleißig, aufgeschlossen, strebsam und sozial seinen Mitmenschen, bzw. Mitarbeitern oder Untergebenen zeigen, oder wird er sich eher durchs Leben durchmogeln, ohne jemals viel Einsatz gezeigt zu haben?

90 Prozent des bisherigen Lernstoffes gehören abgeschafft, es gälte eigentlich ganz andere Schwerpunkte zu unterrichten, las ich vor einiger Zeit in einem Interview mit einem Pädagogen. „90 Prozent abschaffen? Aber was sollen wir denn da im Unterricht machen?“, höre ich schon die Lehrer und die Kultusbehörden stöhnen. Ja, sage ich, dass ist echt ein Problem. Aber hieß es nicht immer, nicht für die Schule lernen wir, sondern für das Leben. Aber was für ein Leben ist das, wenn zum Teil sogar schon im Sachkundeunterricht in vierten Klassen das Thema Strom und Stromkreise behandelt wird. Etwas, was Erwachsene mit etlichen Jahren Gymnasium oft noch nicht mal auf Anhieb verstehen? Würden wir wirklich für das Leben lernen, dann würden wir uns ganz andere Dinge im Unterricht wünschen. Zum Beispiel viel mehr über die Bedeutung von Gesundheit und wie sich Prävention erreichen ließe, etwas über den Umgang mit Gefühlen oder wie man eine zwischenmenschliche Beziehungen gestaltet, so dass sich Paare nicht schon bei kleineren Unstimmigkeiten trennen, man würde weniger lernen und dies viel mehr vertiefen können, man hätte weniger Unterricht und könnte mehr Zeit in seine Hobbys investieren und .. ja und, man hätte auch mal Zeit für mehr kritisches Nachdenken, statt wie ein Irrer Tag für Tag gute Leistungen abzuliefern, nur mit dem einzigen Ziel, bestenfalls gute Noten zu erhalten.

Neben dem Umstand, dass die verteilten Schulnoten wenn überhaupt, dann höchstens eine halbwegs gerechte, das heißt oft sehr unzutreffende Beurteilung darstellen, da ganz viele weitere Faktoren reinspielen, wie Geld, welches zum Beispiel für Nachhilfe ausgegeben werden kann, Glück, dass jemand genau das lernte, was auch drankam, Sympathie der Lehrer, was häufig Mädchen begünstigt, die es durch ihr braves, fleißorientiertes Auftreten den Lehrern eher leichter machen, als rebellische Jungs, führt das Verteilen von Zensuren Jahr für Jahr zu riesigen Zahlen von seelisch beschädigten jungen Menschen, die leider schon sehr früh eingeteilt werden in Gewinner und Versager, die unter immensem Druck leiden und es häufig noch nicht mal in der Hand haben, trotz Fleiß gute Noten zu erreichen, da sie möglicherweise in Arbeiten einen Black-out haben oder den Lehrern nicht das liefern, was diese hören wollten.

Schultraumatisierungen – man denkt an Mobbing unter den Schülern, vielleicht auch Prügel .. aber nur die wenigsten machen sich bewusst, dass Jahr für Jahr hunderttausende von Schülern in Deutschland allein durch den Umstand der Zensurengebung traumatisiert werden. Man möge sich wirklich mal bewusst machen, was in Schülern passiert, die sich ganz viel Mühe gegeben haben und dann womöglich eine Fünf schreiben und dann auch noch Angst haben, damit nach Hause zu gehen. Nicht nur die Riesenenttäuschung über den Misserfolg, sondern dann folgt auch noch eine „Gardinenpredigt“ oder irgendeine andere Strafe.

So – genau so – produziert man angepasste Menschen; Menschen, die sich nicht mehr trauen, kritische Fragen zu stellen. Und zwar, weil sie ja bei dem ständigen Bemühen um gut-bewertete Leistungen gar keine Zeit mehr haben, um darüber nachzudenken, ob etwas gut oder schlecht ist, sozial oder unsozial, lebensbejahend oder lebenszerstörend.

Und woran liegt das letztendlich, an dem Umstand und dem darin enthaltenen Widerspruch der Zensurenerteilung – denn es wird wirklich nicht der Wert eines Menschen gemessen, sondern durch den Lehrer lediglich eine Zahl unter eine Arbeit oder ein Zeugnis gesetzt. Etwas, was eigentlich höchsten einen Hinweis darauf geben kann, was ein Lehrer von einem Schüler persönlich hält oder erwartet.

„Wir brauchen in der Wirtschaft Persönlichkeiten. Und was bekommen wir: Absolventen von Hochschulen!“, sagte vor einiger Zeit der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes. Diesem Ausspruch kann ich mich nur anschließen.

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