↑ Zurück zu Warnzeichen

Seite drucken

Patientenbericht “Notfallmodus”

Lieber Eckart,
ich lebe noch!
Ich habe mich in den letzten Wochen ganz plötzlich (auch für mich plötzlich!) in eine Art kontemplativer Isolation begeben. Das war kein bewusster Entschluss, sondern ist als so was wie ein Notfallmodus zu betrachten. Plötzlich war ich zu müde, um weiter zu kämpfen. Ich wollte mich nicht mehr mit meiner Vergangenheit und der ungewissen Zukunft beschäftigen. Ich füge mich in die Realitäten und lasse sie zu. In gewisser Weise gebe ich auf; dann soll es eben so sein, wie es ist. Ich kann nicht mehr.

Während der fast tödlich geendeten Erkrankung meines Bruders bin ich nach Absprache mit meiner Schwägerin in die Rolle eines Koordinators geschlüpft, was die Kontakte zu Geschwistern und Freunden anging. Dadurch habe ich fast 30 x dieselbe Geschichte den Geschwistern und Freunden erzählt, und die unterschiedlichsten Reaktionen erhalten. Das alles war keine Freude, sondern trug noch mehr zu meiner seelischen Überforderung bei.
In diesem Zusammenhang habe ich sogar mit meinem ältesten Bruder  telefoniert, obwohl ich vor Jahren den Kontakt wegen seines Verhaltens nach dem Missbrauch gegen mich, als ich klein war, abgebrochen habe. Es kam nichts zurück. Auch von den anderen Geschwistern kamen nur sehr oberflächliche Reaktionen. – Das führte letztlich dazu, dass ich mich von vielen Illusionen bezüglich sozialer Verwandtschaftsnetze endgültig verabschiedet habe. Ich bin nicht mehr bereit und in der Lage, Energien in ein bodenloses Loch zu schmeißen.
Um diese Erkenntnis zu realisieren, brauchte ich Zeit. Deswegen bin ich wie eine überhitzte Maschine in den Notfallmodus gegangen, um nicht durch zu brennen. Habe viel gebetet und meditiert und bin spazieren gegangen. Dieser Zustand hat mir erstaunlicherweise relativ gut getan!

Jetzt kommt aber noch hinzu, dass ich mich damit beschäftigen muss, demnächst 60 zu sein. Damit sind ja einige Attribute verbunden, die ich immer ausgeblendet habe. Ich weiß nun, dass ich beruflich nicht mehr gebraucht werde. Das hat man mir bei inzwischen 10-11 Bewerbungen recht deutlich zu verstehen gegeben. Ok, dann brauche ich eben nicht mehr so zu tun, als ob ich noch jung-dynamisch wäre. Mir tun sowie so alle Knochen weh, mein Herz macht Probleme, ich futtere zu viel, leide unter Ängsten und muss deshalb neue Felder entdecken, die mir guttun! Ich habe erneut einen Rentenantrag eingereicht und hoffe, dass der positiv entschieden wird.
Ich bin zurzeit nicht in der Lage, unter Menschen zu gehen. Ich lasse meine Sehnsucht nach Ruhe und Stille uneingeschränkt zu. Das bedeutet auch, dass ich mich von meiner Frau, von Verwandten und allen Freunden zurück ziehe. Gott sei Dank wird das von allen respektiert und man lässt mir den Raum.
Zum bedrückenden Zwangsnotverkauf: Gestern waren wieder Interessenten für das Haus hier. Die kenne ich zufällig. Mal sehen, die schienen ganz angetan, weil ich ganz offen auf die Mängel am Haus hingewiesen habe (was ja nur fair ist). – Ansonsten ist der Verkauf unseres liebgewonnenen Hauses sehr hart für uns, aber die Schulden, die wir nicht mehr bezahlen können, macht dies ganz einfach nötig.
Ich selbst merke, dass ich mich mehr in mich selbst zurückziehen muss, um erst mal wieder mit allem klarzukommen. Schön, dass du mich über die Jahre ermutigt hast, mich mit mir selbst zu befassen und bestimmte Dinge zuzulassen. Dafür danke ich Dir!!!
Der schwäbische Humorist und Schauspieler Willy Reichert hat mal gesagt:

“Jeder hat eine Geburtsurkunde, in der steht, wo und wann er auf die Welt gekommen ist. Nur nicht wozu!”

So ist es. Insgeheim war ich ja Anhänger der Prädestinationslehre, der Lehre, dass das Leben in allen Bereichern vorher bestimmt ist. Das stimmt so für mich nicht mehr. Ich werde nun von Fall zu Fall, von Tag zu Tag entscheiden, was ich wie tue! Kein Zwang mehr,  es irgendjemandem recht zu machen. Mal sehen, wohin dieser Weg führt! Ich will jetzt mehr auf mich achten und versuchen, zu erkennen, was für mich richtig und was falsch ist.
Dir nun alles Liebe und Gute und hab Dank für alles!
Herzlichst …

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://eckart-warnecke.de/psychotherapie/warnzeichen/patientenbreicht-notfallmodus/