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Militante Moslemmilizen gründen den „Islamischen Staat“

Hatten wir das so gewollt?

 

 

Ich bin bestimmt kein Nahostexperte, aber ich kann zumindest noch ein wenig vernetzt denken. Und darunter verstehe ich, ähnlich wie man das im Schach tun sollte, dass man sich vor einem eigenen Zug überlegt, was sich als Übernächstes wohl daraus entwickeln könnte. Denn was im ersten Augenblick noch als Vorteil erscheint, kann sich zwei Züge später schon als Niederlage erweisen.

Ich mag Ägypten und war drei Mal dort als Tourist. Schon 2011 bei meinem letzten Besuch dort beschlich mich ein komisches Gefühl, als die westliche Welt immer euphorischer über den arabischen Frühling berichtete und ihn dadurch natürlich zwangsläufig weiter unterstützte; denn ich fragte mich, was wohl danach kommen würde.

Sicherlich hatte man über die Strukturen und Machtverhältnisse in den Staaten rund um das Mittelmeer nicht unbedingt begeistert sein, die vor dem Beginn des sogenannten „arabischen Frühlings“ geherrscht hatten, aber immerhin war die Lage zumindest in diesem Teil des Nahen Ostens noch stabil und es herrschte so etwas wie Frieden. Und sogar der ehemals (in den Augen des Westens) schlimmste Diktator des Nahen Ostens Muhammed Gaddhafi war über die Jahrzehnte immer mehr zu einer europanahen Person mutiert. Und wir wollen auch nicht vergessen, dass der syrische Staats-Chef Assad überwiegend im Anzug (einem westlichen Symbol) auftritt und darüber hinaus eine französische Frau hat. Aspekte, die anzeigen, dass er sicherlich einem europäischen Denken näher steht, als dem dogmatisch ausgerichteten Islam.

Aber für unsere Medien, für die alles was neu ist eine gut Meldung ist, musste es ja weitergehen. Nach Tunesien folgten die Umstürze in Lybien mit der Ermordung Gaddhafis und dann die in Ägypten und unsere Medienvertreter unkritisch und gezielt immer vorneweg.  Gerade Ägypten – sicherlich gab es hier auch viel zu kritisieren, aber Staats-Chef Mubarak war über 30 Jahre immer wieder gewählt worden, auch wenn er jetzt plötzlich in unseren Medien als Diktator tituliert wurde.

Und dann ging der „sogenannte Frühling“ auch in Syrien los. Auch hier wurden die Europäer durch die Medien mit ständiger Gehirnwäsche überzogen nach dem Motto: Assad ist ein Verbrecher und Diktator und der muss ganz schnell weg. So entwickelte sich auch hier ein immer größerer machtfreier Raum, es herrschte Bürgerkrieg – wir im Westen hörten jedoch immer nur die eine Wahrheit: immer wenn es Tote gab, dann waren diese auf Ermordungen durch die Assad-Truppen zurückzuführen, gab es Giftgaseinsätze, so wurden diese sofort dem Assad-Regime zugeschrieben und das nicht nur völlig unkritisch, sondern zum Teil konnte man aus dem Munde von Chemiewaffen-Experten sogar hören, dass die gezeigten Toten in den Kurzfilmen eigentlich gar nicht die für Giftgastote typischen Symptome zeigten. Aber egal – immer war es der schlimme Assad (oder auch zur Abwechslung mal wieder der Putin.)

Aber nun noch mal ein bisschen zurück: als die USA nach dem 11. September meinten, in Afghanistan einmarschieren zu dürfen, zerstörten sie da die Ordnung und die Stabilität eines Landes, das mehr als genug mit sich selbst zu tun hatte – uns wurde aber demonstriert, dass dies alles so in Ordnung sei. Und dann folgte unter vielfachen Täuschungen und bewusster Falschinformation durch den US-Geheimdienst auch noch der Angriff auf den Irak. Hier ging es darum, den schlimmen Hussein wegzukriegen! Und bis vor Kurzem galt auch der Iran als gefährlich für die amerikanische Sicherheit und man tat alles, um auch den Iran zu destabilisieren.

Aber nun ab Sommer 2014 wird die negative Rechnung immer deutlicher. In den destabilisierten Gebieten haben sich (anfangs unbemerkt oder billigend geduldet) immer mehr extremistische Gruppierungen gebildet, die in das neue Macht- und Ordnungsvakuum hineinstoßen und im extrem konservativen und dabei massiv gewaltorientierten Sinne ihren Einfluss ausdehnen. Unglaubliche  Greueltaten scheinen von der Organisation ISIS zu erfolgen und man hat das Gefühl, als seien die Taten von Al Kaida dieser neuen brutalen Organisation gegenüber fast noch harmlos gewesen. Und es scheint sich der Eindruck durchzusetzen, als würde man jetzt den einstmals als gefährlich eingestuften Todfeind Assad und den Iran stabilisieren und als neue Festung aufbauen wollen gegen die Macht der neuen moslemischen Gotteskrieger, die, wenn jetzt nicht bald etwas passiert, auch irgendwann an den Grenzen Israels stehen werden und Terror verbreiten mit Foltern, Hände abhacken bei Diebstahl und anderem mehr.

Der Aufstieg von ISIS hatte Anfang 2013 begonnen, als die Regierungstruppen in Syrien im jahrelangen Bürgerkrieg immer mehr überfordert waren. Örtliche Rebellen übernahmen zunehmend die Macht. ISIS-Kämpfer waren zwar zahlenmäßig unterlegen, aber sie waren derart brutal, dass auch die Armee im benachbarten Irak sich zurückzog. Ein Großteil der ISIS-Truppen besteht aus Söldnern, die dort für ihre Verhältnisse sehr gut verdienen. Und besonders makaber: sie werden oft bezahlt aus den Einnahmequellen der Beutezüge in den besetzten Gebieten und hierzu gehört auch Erdöl aus syrischen und irakischen Quellen. Und leider verfügen sie auch über amerikanische Waffen, die die USA beim Rückzug aus dem Irak seinerzeit zurückgelassen hatten.

So ist ein Flächenbrand wohl auch zukünftig zu erwarten und das Schlimme daran ist, dass uns im Westen weisgemacht wurde, es würde dort alles ruhiger und demokratischer werden, wenn wir uns moralisch auf die Seite der Demonstranten stellen würden um die alten Machthaber zu vertreiben. Wie oft haben wir uns diesbezüglich eigentlich schön täuschen lassen und wie oft wollen wir das noch zulassen, dass man das Gute will, jedoch das Schlechte schafft – frei nach einem deutschen Klassiker. Fatal ist es, wenn man die Geister, die wir riefen, nun nicht mehr loswerden.

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