«

»

Beitrag drucken

Mainzer Bahnhof zeigt, was uns die Zukunft bringen wird

Länger als vier Wochen ist der Mainzer Hauptbahnhof stillgelegt. Nun wird herumdiskutiert, wer daran die Schuld trägt. Und dabei ist es ganz einfach: die Finanzmärkte brauchen immer neue lukrative finanzstarke Opfer, über die sie dann wie die Heuschrecken herfallen können. Dafür wurde Privatisierung – also der Börsengang der Bahn schon seit langer Zeit ins Spiel gebracht. Obwohl die Bahn hundertprozentiges Eigentum des Staates ist, wird er (in meinen Augen auf irregulärem Wege) schon lange widerrechtlich privateigentumsorientiert geführt und verwaltet.

Um an die Börse zu kommen, braucht ein Unternehmen eine große Gewinnspanne. Wie erzielt man die? Indem man nur noch alles das betreibt, was richtig Geld bringt. Indem man Angestellte nach Hause schickt, andere weniger Qualifizierte einstellt und dabei Geld einspart. (Bahn-) Beamte werden schikaniert – oft so lange, bis sie in eine Frühpensionierung einwilligen, weil sie recht gut bezahlt werden und mehr Rechte haben, als neueingestellte Mitarbeiter, weiterhin streicht man Strecken, wenn sie nicht genug einbringen usw. Mir sind diverse Fälle bekannt (was ein Außenstehender oft noch nicht mal im Entferntesten anzunehmen meint), in denen regelrechte Jagd durch Zweigstellenleiter und Vorgesetzte auf Beamte gemacht wird – egal, ob bei Post, Bahn, Telekom, Polizei oder Justiz-Vollzugsanstalt, um sie mürbe zu machen, auf dass sie dann mit Hilfe von ärztlichen Gutachten letzten Endes mit Depression in den Ruhestand geschickt werden. Und es macht sich mehr und mehr der Eindruck breit, als würden Abteilungsleiter vielleicht sogar Bonus-Zahlungen erhalten, wenn sie mal wieder einen Beamten „losgeworden“ sind.

Jetzt hört man, dass es viele kranke Mitarbeiter in den Stellwerken, also bei Fahrdienstleitern gibt. Nun könnte man sich fragen: „Ja, warum werden denn so viele krank?“. Und dann wird die Leitung sagen, sie seien vielleicht nicht genügend stressresistent, oder was auch immer. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich woanders: vermutlich werden es auch hier erstrangig Burn-Out und Belastungsdepression sein, die zu den Fehltagen führten; denn genau das ist es, unter denen immer mehr arbeitende Menschen aufgrund der immensen Arbeitsbelastung erkranken. Man arbeitet unter immer mehr Druck, muss mit weniger Leuten mehr schaffen, wird kritisch beobachtet, bekommt ständig neue Schichten, auf die sich der Biorhythmus immer wieder aufs Neue einstellen muss, wird darüber hinaus oft auch menschlich schikaniert oder von anderen gemobbt. Bis man am Ende einfach nicht mehr kann – selbst, wenn man versucht, sich „zusammen zu reißen.“

Aber kann so etwas nur in Mainz passieren, dass einige erkrankte Fahrdienstleiter ausreichen, um einen bundesweit wichtigen Bahnhof lahmzulegen? „Die Wahrheit ist: Was jetzt in Mainz passiert, kann sich jederzeit an jedem Ort in Deutschland wiederholen, in Berlin, Köln, Frankfurt oder München und auch auf dem flachen Land“, sagt zumindest Matthias Oomen, Bundessprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn. Und dies deshalb, da in Wirtschaft und Finanzmarkt überall die Gier regiert und ständig versucht wird, höhere Profite einzufahren auf Kosten von Einsparungen an Personal und Sicherheit (Hier ließe sich auch noch an das Bahnunglück in Spanien erinnern.) Was in Mainz jetzt passiert, wird in anderer Form schon bald auch anderswo passieren, und dies nicht nur im Bahnbetrieb, sondern auch in vielen anderen Branchen: Zeitungsausträger zu finden wird immer schwieriger, das Handwerk bekommt so gut wie kaum noch Nachwuchs, Lokführer sind knapp, in Altersheimen und Kliniken herrscht absoluter Personalnotstand usw. Ich fürchte, es macht sich heute noch kaum jemand wirklich Gedanken und Sorgen dahingehend, was für eine katastrophale Situation uns erwartet. Um das noch mal plastisch zu machen: wir werden es erleben, dass ein Sturm Hausdächer abdeckt und wir keine Dachdecker mehr bekommen können, weil einfach niemand mehr dieses Handwerk erlernen wollte – steigen die Hausbesitzer dann selbst auf die Dächer …? Und was kommt in der Altenpflege auf uns zu? Die Kinder zum Beispiel von Frau M. (83J.) können ihre Mutter leider nicht pflegen, eines ist in Peru und eines arbeitet in London – das nannte man früher mal mit positiver Attitüde: „Mobilität!“

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://eckart-warnecke.de/mainzer-bahnhof-zeigt-was-uns-die-zukunft-bringen-wird/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>