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Frisst der Firmen-Turbo-Kapitalismus die Seelen und den Verstand seiner Mitarbeiter?

(Text übernommen von Ellen Michels und überarbeitet von Eckart Warnecke, 31.03.2015)

 Die französische Staatsanwaltschaft verkündet es als letztgültige Wahrheit: Der Copilot Andreas L. hat

die Maschine samt aller Insassen absichtlich gegen die Bergwand geflogen, also eine Art erweiterten

Selbstmord begangen. Bereits jetzt wird quer durch die Medien über psychische Erkrankungen des

Copiloten spekuliert. Es wird nicht lange dauern, und alle Gazetten und Sender werden für eine Weile das

Thema „Piloten sind alle überlastet und im Grunde Zeitbomben“ durchhecheln.

Man wird sich dann von Seiten der Fluggesellschaften genötigt sehen, ein paar neue Regeln einzuführen,

wie jetzt das Vier-Augen-Prinzip in der Pilotenkanzel vorgeschlagen wird. Es wird vielleicht einen

Psychotest zusammen mit der jährlichen Fit-to-Fly Untersuchung geben. Aber das Grundübel wird bleiben

und schon nach geraumer Zeit kein Thema mehr sein. Ich werde Ihnen auch sagen, warum.

Funktionieren, darum geht es. Diese ganze Fassade ist oft stahlhart, aber papierdünn. Dahinter ist der

Vorhof der seelischen Hölle. Diese Leute tragen Verantwortung. Ja, sie sind sich dessen bewußt, aber nur

kognitiv. Im Herzen nicht. Die Verantwortung erhöht nur den Druck und die materielle Haftung. Es führt

dazu, daß der Druck über viele Jahre „weggesteckt“ und „ausgehalten“ wird, sich aber ständig erhöht,

statt abgebaut zu werden. Jemand, dessen gesamte Lebensenergie nur noch dafür draufgeht, irgendwie

durchzuhalten, trotz allem weiterzumachen, der kann nicht reflektieren, seinem Herz und seiner Seele

zuhören und seine innere Balance finden.

Irgendwann kommt der Kollaps, wie bei einer alten Maschine, die durch schiere Kraftaufwendung trotz

Rost und Schäden, kaputter Zahnräder und Sand im Getriebe kreischend vorwärts gezwungen wurde. Und

plötzlich, weil noch irgendein neues Sandkörnchen hineinfiel, bleibt sie zerbrochen stehen. Nichts geht

mehr.

Die erfolgreichen Entscheidungsträger sind keine Monster. Sie sind auch nicht allesamt Zeitbomben. Auch

nicht die überlasteten, oft chronisch müden Piloten. Auch sie durchblicken das gnadenlose System. Oft

auch, daß sie es ja selber mittragen.

Gutachter bekommen erzählt, daß man die Tests gut kennt. Daß alle wissen, wie man durch die

Überprüfungen kommt. Würde man jetzt psychologische Tests einführen, gäbe es sofort Seminare, auf

denen die Piloten darin geschult werden, den Test zu bestehen. Genauso läuft es ja auch bei den

psychologischen Tests bei der Bewerbung zur Pilotenausbildung.

Das Problem ist, daß niemand zugeben darf, daß er Probleme hat. Der berufliche Druck ist gnadenlos. Die

gesundheitliche und seelische Belastung oft unmenschlich. Würde jemand ernstere Krankheiten zugeben,

vielleicht sogar, daß er „Psychoprobleme“ hat, wird er aussortiert. Das bedeutet: Ende der Karriere und

sozialer Absturz. Wer sich über die Bedingungen beschwert, bekommt zu hören: „Wenn Sie nicht mehr

wollen, bitte schön, es stehen zwanzig andere bereit, die gern ihren Job übernehmen.“ Das stimmt,

vermutlich aber nicht mehr auf lange Dauer. Man hält den Mund, macht die Faust in der Tasche und

zwingt sich zum Weitermachen. Der Frust und die Aggressionen wachsen weiter mit. Irgendwann sucht

man ein Ventil und Erleichterung. Alkohol, vielleicht sogar Drogen und Antidepressiva betäuben den

Seelenschmerz – zumindest mal für eine Weile.

Damit wird die Wahrnehmung gedämpft. Die Ängste und Seelenschmerzen werden betäubt, eine gewisse

Gleichgültigkeit legt sich wie ein Schleier über alles. Aber auch die Fähigkeit zu Fühlen und

Verantwortung wahrzunehmen und sich im Klaren zu sein über das, was man tut und seine Auswirkungen.

Die Beurteilungsfähigkeit leidet, die Gefühlswelt wird stark beeinträchtigt. Wenn man sich dann

vollkommen fremd geworden ist, komplett ausgebrannt und nicht mal mehr weiß, wer man eigentlich ist

und wozu man das alles macht, nennt man das Burnout.

Die Firmen wissen das. Manche legen dann ein Betreuungsprogramm auf, das für die Gesundheit der

Mitarbeiter sorgen soll. Ganz gelassen sitzen diese Klienten mir dann gegenüber, sehen äußerlich tadellos

aus und berichten von diesen sehr unterschiedlichen 360 Grad sorglos Paketen, die ihnen ihre Firmen

anbieten, vielleicht sogar turnusmäßig mit Ihnen durchführen. Sie berichten mir mit einem breiten

Lächeln im Gesicht. Mit dem Nachsatz „Sie verstehen schon …?“. Ja, ich verstehe. Ich verstehe, daß man

dort nur die physisch-medizinischen Daten abruft. Und wer psychische Probleme hat, kann sich bei Dr. XY

diskret melden. Leider aber sickert sowas durch und plötzlich hat Manager X oder Pilot Y „einen an der

Klatsche“. Das erhöht nur noch die Belastungen. Abgesehen davon, daß Dr. XY auch nicht wirklich in der

Lage ist, den Druck zu vermindern und ein seelisches Gleichgewicht herzustellen.

Die Kluft zwischen dem, was Führungskräfte von sich zeigen, und was hinter der Fassade wirklich brodelt,

ist sehr tief. Geradezu vollkommen unterschiedliche Welten und Ansichten öffnen sich da, was

Führungskräfte eigentlich über das System, in dem sie arbeiten, die Personalentscheider und den

Vorstand wirklich denken und fühlen.

Da sitzt ein smarter, hochqualifizierter, beherrschter, intelligenter Mensch vor mir und sagt so etwas

wie: „Wenn ich schon frühmorgens das Auto vom Chef auf dem Parkplatz sehe, möchte ich schon die

Maschinenpistole laden und das Magazin in den Karren ballern.“ Natürlich wird er es nicht tun. Aber seine

Wut schreit nach einem Ventil.

Berufe, in denen ständige Schichtwechsel Alltag sind – wie zum Beispiel Chirurgen oder Piloten – führen

zu dem ganzen Existenzdruck überdies noch zu chronischer Müdigkeit, massiven Schlafstörungen und

Hormonproblemen, weil das Schlafhormon Melatonin nicht mehr zuverlässig gebildet werden kann. Die

Folgen sind Sekundenschlaf, Migräne, Konzentrationsstörungen, Depressionen, Wut auf das ganze

Ausbeutungssystem.

Die tiefsten Aggressionen der Hilflosigkeit schreien leise! Frust und Erschöpfungszustände können sich

unkontrollierbar und blitzschnell in Wut und Tat entladen. Das ist dann der Endpunkt einer langen

Entwicklung.

Doch lange davor entwickeln sich – im  Inneren der betroffenen Person – lautlos dunkle Mächte. Und der

Betroffene ist gefesselt in seinem Leiden. Wer Augen und Ohren hat für die Würde des Menschen, kann

sie laut schreien hören. Und vielleicht das Schmerzvollste und Traurigste verhindern: Für den Menschen

selbst, für seine Angehörigen und im Fall des Flugzeugabsturz für alle, die mit sterben mußten. Und

selbstverständlich auch den Hinterbliebenen die schwere Trauer des Verlustes eines Familienangehörigen

ersparen. Sie tragen durch den tiefen Kummer und die gebrochenen Herzen oft körperliche und

seelischen Folgen – ihr ganzes Leben lang. Und müssen sich immer wieder die Frage nach dem Warum und

Wieso der Tragödie stellen.

Die Methode, die Mitarbeiter einfach irgendwelchen Standardtests zu unterziehen und einen Psychologen

zu installieren, bei dem man sich ja melden könnte, wenn man es denn sich erlauben könnte, hat sich

nicht bewährt. Diese ganze betriebliche Gesundheitsvorsorge ist nämlich auch nur eine andere Variante

eines Systems, was gnadenlos funktionierende Mitarbeiter fordert. Es geht eben nicht um die Würde, die

innere Balance, die Seele des Menschen. Solange die Hilfesuchenden genau so, wie die Hilfe Anbietenden

im Grunde nur darauf abzielen, den Funktionsträger wieder effektiv und einsatzfähig zu machen, wird

das Problem weiter giftig in den Menschen gären und die Seele unter all dem Unrat begraben.

Die wirkliche, echte Arbeit mit dem Menschen selber, das Erlösen seiner Seele aus diesem riesigen

Müllhaufen an Lasten, das „Wieder In Balance bringen“ und den Menschen wieder mit sich selbst in

Kontakt und Frieden zu bringen, wird leider nicht ernst genommen. Aber nur das ist echte Befreiung und

Heilung und Wiederherstellung der natürlichen Menschenwürde. Jedoch dieses, auf Ausbeutung des

Menschen gerichtete Turbo-Kapitalismus-System will keine Menschen mit Würde. Weil die nicht alles mit

sich machen lassen und nicht alles mitmachen.

Die Rechnung geht aber nicht auf. Sie verhindert die Freude an der Aufgabe, die man im Leben hat. Sie

vernichtet die echte Begeisterung und Leistungsbereitschaft, mit der viele ihren Beruf als Berufung

angefangen haben. Sie verhindert wahre Entwicklung. Sie untergräbt liebevolle Verantwortung und

Freude am Einsatz. Es ist dringend erforderlich, neue Wege zu gehen.

Unter anderen Faktoren – wie der Zwang zur Gewinnerzielung und -maximierung – führt auch Hybris und

die damit verbundene Blindheit derer, die in Schüsselpositionen der Wirtschaft sitzen dazu, daß die

allgemeine Erschöpfung von Berufstätigen immer weiter fortschreitet. Viele werden physisch und

psychisch krank, müssen ihren Job aufgeben und sinken dann in materielle Verarmung oder erleiden gar

einen vorzeitigen Tod.

Das beweist die letzte Gallup Studie von 2011 eindrücklich. Hier sprechen wirklich die nackten Fakten.

Immerhin leben wir im 21 Jahrhundert und wir wissen doch längst, daß der pure Wille und der Fleiß allein

uns nicht wirklich ans Ziel bringen. Diese Studie führt die Dringlichkeit und den Handlungsbedarf für

echte, auf den Menschen gerichtete Hilfe klar vor Augen.

Inzwischen hat sich offenbar, eine große Mutlosigkeit in den Führungsebenen ausgebreitet. Und dennoch

klammern sich die Verantwortlichen an Ihren Selbstbetrug ihrer selbst entwickelten Prozesse und bringen

Ihre Unternehmen nicht tatkräftig voran. Zum Arbeitsfrust kommt noch der alltägliche Weltverdruß im

privaten Bereich und der Umwelt. Leider trennen viele Personaler im Umgang mit ihren Mitarbeitern

strikt das Private und Geschäftliche. sprechen aber in der Öffentlichkeit von „ganzheitlichen

Motivationen“.

Ich wage es, an dieser Stelle einmal, schonungslos die Frage zu stellen, ob eine wirklich wirksame,

menschenwürdige Hilfe für die überlasteten Piloten wirklich genauso kostspielig gewesen wäre, wie die

zerstörte Maschine, die verlorenen Leben der Passagiere und Flugbegleiter, die Arbeit der Einsatzkräfte,

das Leid der Angehörigen und deren Schadensersatzansprüche, sowie die Kosten der Bergung und der

akribischen Untersuchung der Wracktrümmer und Leichenteile. Ich behaupte: Bei Weitem nicht.

Und selbst, wenn: Dieses immense Leid zu verhindern wäre es allemal wert gewesen.

Also weiter im alten Trott. Die immense Bedeutung der Seelen-Intelligenz wird weiterhin tapfer ignoriert,

die Würde des Menschen bleibt eine hohle Phrase für feierliche Ansprachen, obwohl die Zahlen und

Fakten eine deutliche Sprache sprechen. Das riesige Heer der Berufstätigen wird weiter wie ein Zitrone

ausgequetscht und ausgelaugt, immer mit dem Gedanken: wird schon irgendwie so weitergehen.

Wir sind und leben in einer zutiefst erschöpften Gesellschaft.

Wir sitzen alle in einem Boot.

„Frieden für Alle“

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