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Deutsches Schulsystem – Dringend sanieren!

Was ist das für ein Schulsystem, wo ein großer Teil der Kinder jeden Tag froh ist, wenn der Schultag überstanden ist. Was soll man davon halten, wenn die Schüler sich vor allem auf Ferien freuen oder zumindest auf Tage, an denen sie nicht zur Schule müssen. Ein erschreckend großer Teil der Schüler leidet unter Bauch- oder Kopfschmerzen, viele Kinder bekommen regelmäßig Medikamente aus der Gruppe der Betäubungsmittel, nur damit sie einigermaßen ruhig und gesittet an einem Unterrichtstag teilnehmen können. Diesbezüglich lautete auch unlängst die Titelüberschrift vom Spiegel: „Ich kann nicht mehr“, und meinte damit Aussagen von Schülern, wie diese bundesweit unter den Bedingungen unseres Schulsystems leiden und es kaum noch aushalten können – dabei aber in Konflikt mit dem Schulgesetz stehen, welches den Schulbesuch zwingend vorschreibt.

Ich frage mich, was passieren würde, wenn man Schülern freistellen würde, ob sie die nächsten vier bis sechs Wochen freiwillig zur Schule gehen oder lieber zu Hause bleiben wollen. Und die gleiche Frage wäre zu überlegen, wie sich wohl die Eltern von Schülern verhalten würden. Und noch interessanter wäre, wie sich LehrerInnen verhalten würden, wenn man ihnen ebenfalls die Wahl Schule oder Freizeit bei Weiterzahlung der Bezüge anbieten würde.

Tobias Theis schreibt in seinem Aufsatz „Warum gegen Schule?“, dass Schule als Institution krank mache und ihrem Bildungsauftrag nicht gerecht werde. Schließlich funktioniere Lernen nicht auf Knopfdruck in der Masse und wir würden Kinder zu Automaten erziehen, die nur wiedergeben, was sie auswendig gelernt hätten.

Die Zahl derer, die nicht in die Schule gehen nimmt leider immer mehr zu – und parallel dazu auch die Zahl derer, wo Eltern Morgen für Morgen all ihr Können aufbieten müssen, um ihre Sprösslinge zum Aufstehen, Anziehen und dem pünktlichen Aufbruch in Richtung Schule drängen müssen. „Kein Bock auf Schule ..,“ das mag vielleicht Jugendslang sein, aber es drückt offen aus, wie es Innen aussieht. Allerdings ist die sogenannte Unlust vieler Kinder nicht mit fehlender Motivation zu erklären, sondern mit Schulangst. Schuld daran können Mobbing, überfrachtete Lehrpläne, fehlende positive Ausstrahlung der Lehrer, Versagensängste, raues Klassenklima, Traumata (z.B. wenn jemand an die Tafel gerufen wird, ohne dies zu wollen), Entwertungen, Frustrationen und vieles mehr sein.

Von den etwa 11 Millionen Schülern in Deutschland verweigern nach Schätzungen der Wissenschaft inzwischen etwa 5 Prozent regelmäßig den Schulbesuch. In den meisten Fällen deshalb, da sie durch Druck und Überfrachtung aus ihrem inneren Gleichgewicht gekommen sind, sich demzufolge immer schlechter konzentrieren können, in sich eine Blockade spüren und still vor sich hin leiden. In diesem Zusammenhang ist Gerd Lehmkuhl (Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie Köln) anzuführen, der meint: „Wir sprechen von Verweigerung von Schule als Ausdruck einer komplexen psychiatrischen Störung mit persönlichen und sozialen Hintergründen. Dies kann sogar bis zu selbstzerstörerischem Verhalten, wie z.B. Ritzen der Unterarme, bis hin zum Selbstmord führen.“

Besonders hoch sind die seelischen Störungen bei Schülern, die ein deutsches Gymnasium besuchen. Hier variieren die Zahlen, je nach Studie, zwischen 21 und annähernd 35 Prozent. Wobei man sagen muss, dass durch die Einführung des Turbo-Abiturs nach 12 Jahren noch mal eine deutliche Steigerung an Symptomatiken eingetreten ist. Aus diesem Grunde verlangen auch immer größere Teile der Bevölkerung, entweder wieder das Abitur nach 13 Schuljahren oder eine deutliche Reduktion der zu vermittelnden Inhalte. Denn neben den psychischen Störungen kommen auch noch andere Aspekte hinzu. Durch die hohe tägliche Zahl der Unterrichtsstunden und trotzdem noch zu erledigender Hausaufgaben, bleibt den Schülern immer weniger Zeit für Freizeitaktivitäten. Insbesondere die Sportvereine leiden hierunter, ihnen geht sozusagen der Nachwuchs aus; denn statt sich sportlich zu betätigen sitzen Schüler – sitzen, sitzen und sitzen. In der Klasse, im Bus, am eigenen Schreibtisch zu Hause und dann am PC.

Nun wird man mich fragen: „Was ist zu tun“? Und ich antworte: „Als erstes sollte jede Lehrerin und jeder Lehrer für sich die Frage stellen, ob er Schüler mag, sie schätzt, sie vielleicht sogar liebt und es sein größter Wunsch ist, diesen jungen tollen Menschen etwas beizubringen. Wer diese Frage jedoch verneint, der dürfte nicht länger unterrichten und auf diese Weise die Lebenswege von Zigtausenden beeinflussen!“

Und dann käme erst alles andere – wie man sieht, da haben wir noch einen ganz schön langen Weg vor uns.

Auch übrigens: wer sich dennoch bis zum Abitur gequält hat und meint, wenn er nun ein Studium anfängt, dann würde (gemäß der erinnerten Erfahrungen vieler akademischer Eltern) alles einfacher, freier und netter werden, der  wird schon in den ersten Wochen an der neuen Uni sozusagen „sein blaues Wunder“ erleben – denn an den Unis wird alles noch schlimmer!

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