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BUCHTIPP: Die stille Revolution (Bodo Janssen, 2016)

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Manchmal nähert sich uns das Schicksal auf eigenartigen Wegen. So war es mit der Art und Weise, wie ich an dieses Buch geriet: eine liebe Patientin legte zum Abschluss einer Behandlung dieses Buch auf den Tisch und meinte, ob ich das nicht mal lesen wolle, es sei doch wirklich sehr interessant. Erst dachte ich, was ich wohl mit so einem eigenartigen Buch solle, ging es darin doch um Management und Wirtschaft. Aber schon nach einigen Seiten war ich begeistert. Der Autor Bodo Janssen ist Unternehmer und leitet unter anderem die Hotelkette „Upstalsboom“ mit über 500 Mitarbeitern. Nie gehört? Ich auch nicht, aber egal.
Ich mag autobiografische Bücher; insbesondere, wenn man darin nachverfolgen kann, wie sich Menschen in ihrem Leben weiterentwickelt haben. So in diesem Fall wunderbar nachzulesen. Zwar aus dem Bereich der Wirtschaft kommend, einem Bereich, in dem es fast nur um Optimierung der Abläufe und Vergrößerung des Gewinns geht, beschreibt Bodo Janssen, wie ihn persönliche Krisen dazu veranlasst hätten, an sich zu arbeiten. Und so stellt er fest: „Wenn jemand als Führungskraft etwas verändern möchte, ist er gut beraten, zunächst bei sich selbst anzufangen!“
Überhaupt gibt er in dem Buch Einblicke in viele seiner Erkenntnisse, wobei die sogenannte Elite – also diejenigen, die in der Regel in Medien und Politik im Mittelpunkt stehen und riesige Geldsummen verdienen – oft sehr schlecht wegkommt. Ein Beispiel: „Alle, die an der Basis arbeiten, fühlten sich schlecht geführt und nicht wertgeschätzt. Die Lorbeeren für den bisherigen Erfolg von Upstalsboom hatten nicht sie erhalten, sondern Hoteldirektoren und Abteilungsleiter in Form von Boni und tollen Veranstaltungen. Die Mitarbeiter an der Basis waren nicht in Entscheidungen einbezogen worden. Sie waren irgendwelchen Gewalten und einer gewissen Form der Willkür ausgesetzt. Nur Dienst nach Vorschrift. Etwas wurde angeordnet, und dann hatte man es auszuführen.“
Bevor sich Janssen jedoch auf seinen Weg der persönlichen Weiterentwicklung begibt, macht er eine Reihe von bedeutsamen biografischen Erfahrungen (Entführung, Tod des Vaters, wildes Leben). Dann führt ein sogenanntes „Erweckungserlebnis“ dazu, dass er erkennt, dass ihm in seinem Leben irgendwie der tiefere Sinn fehlt. Er spürt, dass er bisher lediglich ein Leben an der Oberfläche geführt hatte. Er stellt sich selbst in Frage. Auf seiner Suche stößt er per Zufall auf ein Benediktinerkloster, in das er in der Folgezeit regelmäßig geht, um an sich zu arbeiten. Hier wird ihm bewusst, wie stark er von äußeren Dingen, von Werbung und Öffentlichkeit gelenkt und beeinflusst wird und schreibt, dass er erst in dem Moment wirklich frei wurde, als er begann, sich von der Meinung anderer und dem Mainstream loszumachen. Er habe die Wahrheit (seinen Weg) in sich selbst finden müssen. Und hierbei hilft ihm seither ganz wesentlich die regelmäßige Meditation.
Sehr viel dreht sich bei ihm alsdann um den wirklichen Sinn im Leben. Diesen sieht er schließlich in erster Linie darin, andere Menschen glücklich zu machen. Text: „Auf einmal wusste ich, wofür ich mich auf dieser Welt bewegte, wieso und wofür ich lebte. Mit dieser mir selbst offenbarten Haltung habe ich jeden Tag die Chance, dazu beizutragen, dass die Welt, in der ich lebe, vielleicht ein bisschen besser, friedlicher oder  glücklicher wird.“
Ich will es hier nicht zu lang werden lassen, aber der Autor beschreibt Mechanismen und Ziele, die ich in meiner Arbeit ebenfalls für sehr wichtig ansehe. Und ich frage mich, wieviel gesünder und folglich auch produktiver und kreativer würden Mitarbeiter in Firmen sein, wenn dort ebenfalls Werte wie Vorbild, Offenheit, Wertschätzung, Achtsamkeit, Vertrauen, Herzlichkeit und Lebensfreude herrschen würden, wie dies der Autor für sein Unternehmen anstrebt.
Ich denke, dieses Buch kann helfen, die Augen zu öffnen. Und vielleicht macht es ja der ein oder andere von euch auch so wie ich es gehandhabt habe: ich habe dieses Buch über einen längeren Zeitraum immer mal wieder zur Hand genommen und darin bestimmte Passagen gelesen und weil ich es so inspirierend fand, habe ich es schon etliche Male gekauft und mit einem kleinen Anschreiben versehen an Leute verschenkt, die in leitenden Positionen tätig sind, mit dem Ziel, ihnen möglicherweise auch eine Art „neues Denken“ ans Herz zu legen; gemäß dem Motto von Bodo Janssen: „Kümmere dich um die Menschen, dann kümmern sich die Ergebnisse um sich selbst.“

Kleine Leseprobe:

„Für mich liegen Führungsaufgaben von heute darin, sich auf die Menschen in einem Unternehmen zu konzentrieren, Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass ihnen der Sinn ihres Handelns bewusster wird, und sie mit passenden Rahmenbedingungen dazu zu ermächtigen, ihre Stärken für genau dieses sinnhafte Handeln einbringen zu können. So entsteht auch Kreativität, und genau diese Kreativität in einer angstfreien Umgebung ist am Ende eine Art Garantie für die ‚Enkeltauglichkeit‘ eines Unternehmens. Nach meiner Wahrnehmung ist gerade die Angst in deutschen Unternehmen weitverbreitet. Aus Angst vor den Konsequenzen manipulieren manche Manager wohl oder übel ihre Software, anstatt der Führung mitzuteilen, dass die vielleicht hohen Budgetvorgaben nicht eingehalten werden können. Es wird auch kaum etwas getan, um in vielen Unternehmen die Angst zu minimieren. Eher im Gegenteil. Ängstliche Menschen lassen sich leichter beherrschen und für die Zwecke des Unternehmens ausnutzen. Aus diesem Grund wird Unsicherheit unbewusst, zum Teil sogar bewusst geschürt, denn selbstbewusste Mitarbeiter würden ja schwache Führungskräfte entlarven, die dadurch ihre Macht verlieren würden. Macht, die sie brauchen, um sich das zu bewahren von dem sie glauben, dass es sich glücklich macht. Ein Teufelskreis, und vor allem sehr kurzfristig gedacht …“

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