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Burn-out und Meditation

Was haben die buddhistische Lehre und psychische Erkrankungen, wie Angststörungen, Depressionen, Zwänge, Erschöpfung oder Süchte miteinander zu tun?

Wir leben in einer extrem schnelllebigen Zeit, die dadurch charakterisiert wird, dass das, was heute hochmodern ist, morgen schon wieder überholt erscheint. Der Spruch vom lebenslangen Lernen kursiert – nur ist das alles gut? Fühlen wir uns nicht immer mehr wie Getriebene in einem Hamsterrad? Und gleichzeitig beschleicht uns der Eindruck, wir kämen mit dem Tempo nicht mehr mit? Ein tibetischer Lehrer meinte unlängst, wir würden in einem Zeitalter leben, in dem das nächste Produkt von Apple deutlich wichtiger erscheine, als der zwar schleichende, aber immer mehr sichtbare dramatische Zerfall der gesellschaftlichen Strukturen – und was für ihn noch gefährlicher sei: die durch den Menschen ausgelöste Umweltzerstörung mit ihrer Klimaveränderung.

Fast an jeder Ecke hört man Begriffe wie Stress, keine Zeit, Ärgerlichkeit oder Krankheit. „Stresstest“ wurde vor einigen Jahren sogar zum Wort des Jahres gewählt. Als ich 1991 mit meiner psychotherapeutischen Arbeit begann, spielte das Thema „Arbeitsdruck“ so gut wie keine Rolle im Kontext meiner Praxis. Heute möchte ich sagen, dass es wohl schon bald 90 Prozent meiner Patienten sind, die sich wegen Erschöpfungssyndrom, Burn-out und beruflicher Überforderung in Therapie begeben. Lange Arbeitszeiten, finanzielle Unsicherheiten, immer weniger feste Anstellungen, bei einer Zunahme der Arbeitsintensität und beruflichen Anforderungen, eine Flut von Informationen und immerwährenden Veränderungen sowie unzählige Termine, ständige Erreichbarkeit, unregelmäßige Arbeitszeiten und dauerndes Dokumentieren seiner geleisteten Arbeit in Verbindung mit der Pflicht zur regelmäßigen Qualifizierung und Lizensierung verursachen Druck, Überreizung und somit ein Anspannungsniveau, welches durch die heute lebenden Menschen immer weniger kompensiert werden kann.

Innerliche Stressreaktionen müssen nicht unbedingt schlecht sein. Als eine Art Überlebensstrategie sind sie sogar eine Folge der Evolution, denn sie helfen dem Individuum dabei, mit Gefahren und Belastungen adäquat umzugehen. Sie helfen, schlummernde Energiereserven freizusetzen, produzieren Hormone, steigern den Blutdruck und verlangsamen die Verdauung. Wichtig ist allerdings, dass nach der Phase der Belastung eine Phase der Entspannung folgt. Die Natur hatte den Mechanismus der körperlichen Stressreaktionen als eine Art Schutz in Bezug auf hin und wieder einmal auftretende Extremsituationen eingerichtet. Arbeitet und lebt der Mensch jetzt jedoch in einer ständigen Anspannung, so entstehen Beschwerden, die zu körperlichem wie seelischem Leiden führen können, weil die Entspannung fehlt.

Eine Burn-out-Erkrankung – oft wird dafür auch der Begriff „Erschöpfungs-depression“ verwendet – ist das Resultat, wenn eine Person über einen langen Zeitraum hinweg ihre gesunden Grenzen überschreitet. Neben den Stressoren und Belastungen kommt dann aber auch noch eine innere Sinnlosigkeit, eine Leere hinzu. Geht aber der Sinn des Lebens verloren, so verlieren wir umso schneller unsere Kraft – diese Menschen sind dann so etwas wie „Abfallprodukte unserer modernen Leistungsgesellschaft.“

„Das Leben ist Leiden“ hatte der Buddha schon vor 2600 Jahren gesagt und dass wir uns in einem immerwährenden Kreislauf befinden, getrieben von unseren Anhaf-tungen. Würde man diese Botschaft heute jemandem vermitteln wollen, so würde dies Zitat sicherlich auf Unverständnis treffen – würde man aber sagen, das Leben sei voller Stress und wir seien von unseren Terminen getrieben, so würde wohl fast jeder zustimmen.

 

Es sind andere Worte, die Botschaft bliebe die gleiche!

 

Aktuell gibt es fast 1500 wissenschaftliche Studien, die die positiven Auswirkungen von Entspannung und Meditation erforscht haben. In ihnen wurde nachgewiesen, dass Meditation das Immunsystem stärkt, überhöhten Blutdruck, Schlafstörungen, Grübeln, Verspannungen im Körper und Angsterkrankungen reduziert und die Erholung nach Burn-out oder Depressionen beschleunigt. Darüber hinaus kann Meditation helfen, Achtsamkeit, Selbstbewusstsein und Konzentration zu stärken. Auch in Bezug auf die Steigerung der Arbeits- und Lebenszufriedenheit gibt es eindeutige Belege.

Das Wissen um die positive Wirkung von Meditation erreicht heute immer mehr auch die breite Bevölkerung. Waren es vor 30 Jahren nur einzelne Versuche, mit Hilfe der Meditation auf die Achtsamkeit hartnäckige psychosomatische Erkrankungen zu behandeln, so hat sich dies bis heute stark gewandelt. Die Achtsamkeitsmeditation ist eine einfache Methode, die den Geist beruhigt, Stress abbaut und das Bewusstsein auf die aktuellen Geschehnisse zu fokussieren hilft. Durch regelmäßige Praxis wird man lebendiger, frischer, lernt den Augenblick wahrzunehmen und erfährt mehr über den Sinn des Lebens. Man kann sich leichter von Verpflichtungen lösen, baut innerlichen Druck ab und wird insgesamt friedlicher.

Und dabei ist Meditation trotz des immer noch etwas fremden Begriffs eine Methode, die sehr leicht zu praktizieren ist. Es reicht, sich für eine Weile mit aufrechtem Rücken hinzusetzen, ein wenig auf den Atem zu achten und sich dann auf eine Art Meditationsobjekt zu konzentrieren. Und dieses Objekt kann allein schon der Atem sein, es können aber auch innere Bilder, lächelnde Gesichter, freundliche Worte oder auch bestimmte Körperteile, wie auch Töne sein. Alles hilft auf leichtem Wege, den Geist zu beruhigen und wieder ein kraftvolleres und sinnvolleres Lebensempfinden zu entwickeln. Natürlich geht dies in einer Art Gemeinschaft unter fachlicher Anleitung besser, als würde man dies allein beginnen. Am besten, man fängt gleich an – lieber heute als irgendwann

 

„Wenn du willst, dass es dir schlecht geht, dann denk an dich!

Wenn du glücklich sein willst, dann denk an andere!“

(Sakyong Mipham Rinpoche)

 

 

 

 

 

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